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Kongressnachlese - 4. Tag: Von Geschlechteroszillationen und dem »phantastischen« Karl May



Der Himmel weinte, als ich an diesem vierten und letzten Kongresstag in meinem Hotelzimmerbett erwachte. Hatten wir an den bisherigen Veranstaltungstagen einen wunderschönen sonnigen Herbst erlebt, regnete es nun leicht und graue Wolken ließen kaum Sonnenlicht hindurch. Ich fühlte mich eigenartig müde und gerädert. Dabei war es doch am gestrigen geselligen Abend gar nicht so spät geworden. Nach meinem Absacker im Plückers war ich noch bis gegen ein Uhr wach gewesen und hatte den letzten Blogeintrag fertiggeschrieben und hochgeladen. Die letzten drei Tage waren wirklich außergewöhnlich, voller wunderbarer Erlebnisse und Begegnungen. Und trotzdem fing ich nun an zu schwächeln? 



Aufgrund der Tatsache, dass der Beginn der heutigen Vorträge eine halbe Stunde früher angesiedelt worden war, quälte ich mich früh aus dem Bett, versuchte, unter der Dusche wach zu werden, räumte dann mein Zimmer und bezahlte meine Rechnungen. Nach dem Frühstück begab ich mich wieder in die Kongresshalle und baute ein letztes Mal Kamera, Ton und Stative auf.



Zwei Vorträge sollten diesen, mit Dr. Johannes Zeilingers Worten, »sehr schönen« Kongress abschließen. Zwei Vorträge zu Themen, die, jedes für sich genommen, als ungewöhnlich und außergewöhnlich grenzwertig gelten durften, legte man einmal den gängigen thematischen Kanon der bisherigen Forschung an. 

Rudi Schweikert



Zuerst sprach der deutsche Schriftsteller, wissenschaftliche Publizist und freie Lektor Rudi Schweikert (*1952) aus Mannheim unter dem Titel »Karl Mays Figuren des ›Dritten Geschlechts‹ - Überblick und Analyse« zu einem seiner favorisierten Themen im Rahmen der Karl-May-Forschung und enttabuisierte damit einen vor allen Dingen in den letzten Jahren verstärkt in der Öffentlichkeit – und nicht nur der literarischen – sehr emotional und kontrovers diskutierten Sachverhalt. Homophobie, Homophilie, Androgynie, Travestie, als Männer verkleidete Frauen und als Frauen auftretende Männer sind nicht nur in Zeiten von Conchita Wurst (*1988; => Homepage) ein Reizthema. Das 19. Jahrhundert kannte eine Menge solcher Menschen, die sich in Clubs und Logen zusammenschlossen und sich u. a. ›Oranier‹ oder ›Tanten‹ nannten. 



Solche Formen von Geschlechteroszillationen finden sich auch und zuhauf bei Karl May, vor allem in seinen komischen Figuren wie ›Tante‹ Droll, Hobble Frank, Dick Hammerdull und Pit Holbers, Sam Hawkens usw., die in närrischen Frauenkleidern auftreten und sich einer hohen Fistelstimme bedienen, tauchen sehr oft im Werk Mays auf und wie der Vortragende bewies, durchaus nicht zufällig und auch nicht ausschließlich des Humors wegen. Das abschließende Fazit dieses etwas anderen Blicks auf viele geliebte und beliebte Figuren des sächsischen Volkschriftstellers lautet dann auch im Großen und Ganzen ohne an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen zu wollen, dass May das Aufweichen der Geschlechtergrenzen favorisierte und das Spiel mit der homoerotischen Verwechslung auf die Spitze trieb, was im eigentlichen eine Frage nach der wahren geschlechtlichen Identität in einer verkehrten Welt war. 

Thomas Le Blanc


Thomas Le Blanc (*1951) aus Wetzlar, der Begründer der »Phantastischen Bibliothek« arbeitet schon seit geraumer Zeit an einem Werk, von dem nach eigener Aussagen schon 400 Seiten fertiggestellt sind und das letztlich über 600 Seiten umfassen soll. In diesem Werk widmet er sich seiner These, nach der Karl May grundsätzlich ein phantastischer Autor gewesen sein soll. In seinem Vortrag unter dem Titel »›Darum will ich Märchenerzähler sein ...‹ Karl May als phantastischer Autor« ließ er die Karl-May-Freunde an seinen diesbezüglichen Überlegungen und Untersuchungen ausführlich teilhaben. An ausgewählten Perikopen aus allen Schaffensperioden Karl Mays beginnend mit dem sogenannten Alterswerk über das Frühwerk, die Kolportageromane bis hin zu den bekannten Reiseerzählungen wies Le Blanc eindrucksvoll nach, das Karl May im Prinzip ein Wegbereiter der Phantastik und Phantastischen Literatur war, ein Autor, der diese Interpretation seiner Werke selbst wohl strengstens von sich gewiesen haben würde, der aber trotzdem mit dem Werkzeugen der Phantastikforschung untersucht werden kann und muss. May konstruierte Welten, Personen und Konstellationen, die es so in dieser Form niemals gegeben hat und niemals geben wird. Er erschuf mit den Mitteln des Märchens und der zeitgenössischen Psychologie Traumwelten, man denke nur einmal an den Stern Sitara, auf dem die großen Alterswerke spielen, die einen mit Tolkiens »Herr der Ringe«, C.S. Lewis »Chroniken von Narnia« oder J. K. Rowlings »Harry-Potter« vergleichbaren Weltenbau aufweisen. Er erfand idealisierte Typenfiguren und Charaktere, die so nie gelebt haben und auch so nie leben könnten, da sie viel zu idealistisch und unrealistisch geschildert sind: Winnetou ist eine solche ideale Lichtgestalt, Old Shatterhand einer jener Superhelden, wie sie sonst nur Marvel und DC zu erschaffen vermögen. Jedenfalls machte dieser letzte Vortrag Lust auf mehr, Lust auf das Buch, das, wenn es fertig ist, mit Sicherheit einen ganz neuen Ansatz mit ganz neuen frischen Aspekten zu liefern verspricht.




Und so ging dieser 23. Kongress der Karl-May-Gesellschaft e.V. in Bamberg zuende. Es war ein rundum gelungener, sehr schöner Kongress, der durch viele sehr gute Vorträge, Gespräche, Begegnungen und regen Austausch geprägt war. Bamberg als Kongressstandort war ideal gewählt, das Ambiente sehr angenehm und die Unterbringung superb. Die Abende im Plückers und der gesellige Abend im Hegel-Saal waren inoffizielle Höhepunkte der fröhlichen Geselligkeit und guten Laune. Was will man mehr? Ich denke, wir werden in zwei Jahren auf dem nächsten Kongress noch von den vielen positiven Eindrücken der vergangenen vier Tage zehren. In diesem Sinne, auf Wiedersehen in 2017 in Naumburg an der Saale.


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