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Demontage eines Superhelden – Marc Webbs „The Amazing Spider-Man 2. Teil“

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Vorhang auf für den zweiten Akt! – Es sind eigentlich vom dramaturgischen Standpunkt aus gesehen immer die zweiten Akte, die das meiste Potential entwickeln, denn hier kann direkt in die Handlung eingestiegen werden, denn die Protagonisten – die Helden –  sind bereits in der Exposition im ersten Akt ausführlich mit all ihren Charaktereigenschaften und -problemen vorgestellt worden. Alles ist bekannt. Nun kann man sich als Erzähler wie als Zuschauer ausschließlich auf die Handlung konzentrieren, auf das, was man sagen will, auf die Botschaft, die Message sozusagen. 
Und die ist erfahrungsgemäß im zweiten Akt immer düster bis aussichtslos. Der Protagonist erlebt die größten Widerstände, Nieder- und Schicksalsschläge, wird durch den Fleischwolf gedreht, scheitert am übermächtigen Feind, gerät meistens noch durch Selbstzweifel und härteste Verluste in eine innere Krise der härtesten Gangart, will gar alles and den Nagel hängen, aufgeben, den Heldenstatus wie ein Kostüm ausziehen, in den Schrank hängen und so tun, als sei er das nie gewesen.
Er fühlt die kaum tragbare Last der Verantwortung auf seinen Schultern, glaubt sich aber zu schwach, diese auch zu tragen, denn der Gegner oder der Konflikt ist übermächtig. Wirft man mal einen Blick auf die anderen filmischen und epischen Werke der vergangenen Jahre, allen voran natürlich die Erzeugnisse aus dem Hause Marvel, so findet sich das alte aristotelische Dramenkonzept immer und immer wieder als Grundbauform vor: Batman, Iron Man, Spider-Man, Thor, der ja vor kurzem ebenfalls seinen zweiten Akt durchleben durfte, Captain America, Hulk, und und und ...



Dennoch – und das ist immer ein Zeichen für Qualität – vermag dieser zweite Akt an entscheidenden Stellen den Zuschauer zu überraschen. Das geht schon ganz am Anfang los. Wir erfahren – ziemlich ausführlich – die Vorgeschichte: Wer waren Peter Parkers Eltern? Wohin sind sie verschwunden? Wieso musste Peter allein bei seiner Tante May (Sally Field (*1946)) und seinem Onkel aufwachsen? Fragen über Fragen, auf die es nun endlich einmal klare Antworten gibt. Nach unserem Drei-Akte-Schema hätten wir aber mit der Auflösung der Fragen normalerweise bis kurz vor Ende des dritten Aktes warten müssen. Also die erste Überraschung gleich zu Beginn!

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Der erstaunliche Spinnenmann (Andrew Garfield (*1983)) hat einfach Spaß an seinem Dasein und an seiner Spinnenkraft. Dabei demontiert er sich Stück für Stück selbst, indem er zum Beispiel, während er an einem Auto hängt, das er aufhalten will und das mit ihm durch die Stadt rast, mit seinem Handy telefoniert. Oder er lässt einem entwaffneten Gegner kurzerhand die Hosen runter. Doch all diese oberflächlichen Juxereien und Scherze verhindern nicht die Tiefe seines exzellent gezeichneten Charakters, wenn er sich nicht entscheiden kann, ob er nun mit Gwen Stacy (Emma Stone (*1988)) zusammensein kann oder nicht – er sieht in solchen Situationen immer Gwens verstorbenen Vater George (Dennis Leary (*1957) => Homepage) mahnend vor sich. Gwen nimmt daraufhin die Entscheidung selbst in die Hand und trennt sich von ihm. Dies sind unverhergesehene Aspekte, also Überraschung Nummer zwei und drei.

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Altbekannte Übeltäter kehren zurück: Harry Osborne (Dane DeHaan (*1987) => Homepage) mutiert zum grünen Kobold, allerdings endlich einmal zur der dämonischen Gestalt, die er im eigentlichen in den früheren Comics war, ohne futuristischen Helm, sondern hier durch einen Genfehler entstellt.  Überraschung Nummer vier. Der eigentliche Hauptbösewicht aber ist Electro, der durch einen grauenhaften Unfall, bei dem er eigentlich hätte getötet werden müssen, zum Wesen aus purer Elektrizität mutierten Max Dillon (Jamie Foxx (*1967) => Homepage), einem nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung gierenden Mitarbeiter von Oscorp Industries. Überhaupt wird hier das Geschehen generell sehr auf die ominösen Machenschaften von Oscorp konzentriert. Alles nimmt hier irgendwie seinen Anfang. Das Schicksal von Peter Parkers Eltern, das Schicksal von Harry Osborne und seinem Vater Norman (Chris Cooper (*1951)), der mit Peters Vater zusammengearbeitet hat, Electro und letztlich die Entstehung des Superverbrechers Aleksei Sytsevich alias Rhino (Paul Giamatti (*1967)), der hier noch eine untergeordnete Rolle spielt. Überraschung Nummer fünf. Damit wird Oscorp zu einer Riesenmetapher für biologische Waffen und verbotene Genexperimente. Und in einigen Szenen wird bereits angedeutet, dass da noch eine Menge Übles in den geheimen Labors von Oscorp auf seine Erweckung wartet ...

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Die letzten Überraschungen hält jedoch das Ende bereit. Wie bereits am Anfang gesagt, gehören Verluste zum Leben des Helden. In diesem Fall ist es der Tod von Gwen, den Spider-Man nicht verhindern kann. Sie widersetzt sich ihm und seinen Wünschen bereits während des ganzen Films. Obwohl beide sich sichtlich lieben, deutet alles von Anfang an darauf hin, dass ihre Wege sich trennen müssen. Zunächst macht sie mit ihm Schluss, dann rauft man sich so halbwegs wieder zusammen, da man ja nicht voneinander lassen kann, dann bewirbt sich Gwen für ein Stipendium nach England, dass sie auch prompt erhält, und schließlich gerät sie in den Konflikt zwischen Electro und Spiderman hinein, weil sie es so will. Es ist ihre Entscheidung. Sie stirbt trotz Spidermans Versuch, sie zu retten. Überraschung Nummer sechs. Aber ist das nicht auch folgerichtig? Immerhin wissen wir, das Peter Parkers eigentliche Partnerin Mary Jane Watson heißt und nicht Gwen Stacy. Gwen muss also Platz machen. Die Gerüchteküche brodelt schon, wer diesen Part in zukünftigen Verfilmungen übernehmen soll.

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Peter Parker zieht sich daraufhin für fünf Monate zurück. Es scheint so, als gäbe es keinen Spider-Man mehr. Er kann den Tod von Gwen wohl nicht verdauen. Und dennoch kehrt er zurück – natürlich tut er das, immerhin muss die Show ja weitergehen; also keine wirkliche Überraschung. Aber ähnlich wie bei anderen Superhelden macht Spiderman am Ende dieses zweiten Aktes die Wandlung vom Kind zum Erwachsenen durch. Er ist dank seiner Erfahrungen und Erlebnisse sichtlich gereift. Wunderbar symbolisch ins Bild gesetzt wird dies dadurch, dass ein kleiner Junge im Spidermankostüm sich am Ende vor den Superschurken Rhino stellt, dann aber durch den echten Spiderman mit den Worten abgelöst wird: „Danke, Kumpel, dass du für mich eingesprungen bist, aber ich übernehme dann mal ab hier.“ (sinngemäß zitiert) Der Junge tritt daraufhin ab, der gereifte Mann übernimmt und mit dem tollen Cliffhanger, dem Angriff Spider-Mans auf Rhino endet dieser Film, der zwar zwischendurch einige straffbare Längen hat, dennoch aber insgesamt ein großartiges Meisterwerk von Regisseur Marc Webb (*1974) ist und Hoffnung auf einen fulminanten dritten Akt macht.

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Kommentare

  1. ein wirklich sehr sehr gute film :) nur das ende war ein bisschen komisch aber ich hoffe nam sieht dann im 3.teil wie spidey rhino besigt :) ich feue mich schon sehr auf teil 3 und teil 4 die können nur noch sehr gut werden :)

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