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Kongress-Nachlese: Teil 5 - Der dritte & letzte Tag



Tag 3

Der letzte Konferenztag war der Sonntag, der Tag des Herrn gewissermaßen. Man hatte nur noch den Vormittag eingeplant. Gegen ein Uhr am Nachmittag sollte der Kongress mit einem Rundgang zu den Karl-May-Stätten in Radebeul zu Ende geführt werden.



 Doch zunächst standen noch zwei Referenten auf dem Programm, die diesen ganz besonderen Platz am Sonntagmorgen für ihre Vorträge bekommen hatten, die wohl mit Fug und Recht zu den Titanen der May-Forschung zu zählen sind.




Den ersten Vortrag hielt Prof. Dr. Helmut Schmiedt. Schmiedt, den stellvertretenden Vorsitzenden der KMG, muss man eigentlich nicht eigens vorstellen. Er gilt wohl als einer der profiliertesten und profundesten May-Forscher der neueren Zeit. Er veröffentlichte seit seiner 1979 erschienenen May-Dissertation Karl May: Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers zahlreiche Arbeiten über Karl May, und erfuhr mit seiner 2011 im Beck Verlag publizierten Biographie Karl May oder die Macht der Phantasie eine zurecht große mediale Beachtung. Als Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landy Abteilung Koblenz widmet sich Helmut Schmiedt immer wieder mit kritischem philologischem Blick Karl May betrachtet dabei den Erfolgsschriftsteller literarhistorisch. Sein Kongressbeitrag zum Thema „Von männlichen Tanten und seehundartigen Bayern. Groteske Figurenbeschreibungen in Thomas Manns 'Buddenbrooks' und Karl Mays 'Der Schatz im Silbersee'“setzte seine verdienstvollen Maystudien fort.









Schmiedt begann mit einigen ganz und gar unliteraturwissenschaftlichen und ungermanistischen Bemerkungen, wie er es nannte, und kehrte damit indirekt zu Hagen Schäfers Vortrag vom Freitag zurück, was in gewisser Weise den Kreis wieder schloss und das meiner Meinung nach und weiter oben bereits ausgeführte Thema noch einmal aufgriff und vertiefte: „Zu den unstrittig wichtigsten Tugenden in unserem sozialen Alltagsleben gehört es sicherlich, dass wir uns um das Wohlergehen der jüngeren Generationen kümmern. Anständige Menschen tragen stets Sorge dafür, dass ihre Kinder und Kindeskinder materiell, geistig und in emotionaler Hinsicht unter optimalen Bedingungen aufwachsen, dass Schaden von ihnen ferngehalten wird, und dass sie, soweit sich das von den Älteren beeinflussen lässt, nicht in schlechte Gesellschaft geraten. Und da frage ich Sie nun im Blick auf das Thema meines Vortrags und ohne Rücksicht auf die political correctness ganz direkt: Würden Sie Ihren minderjährigen Sohn für längere Zeit einem Transvestiten anvertrauen? - Hielten Sie es für angemessen, wenn Ihr Kind eine strapaziöse und wohl gar gefährliche Reise von unabsehbarer Dauer an der Seite eines Mannes durchführt, der sich öffentlich in einem sleeping gown, einem Nachtgewand für Frauen, durch die Welt bewegt, der überhaupt in jeder Hinsicht lächerlich wirkt, der mit einer hohen Fistelstimme spricht, seine Ausführungen in regelmäßigen Abständen mit einer albernen Floskel würzt und sich seiner Muttersprache nur in einem so zugespitzten Dialekt bedient, dass Menschen aus anderen Regionen ihn manchmal kaum verstehen?“
 



















 
Wie der Titel schon vermuten lässt, verglich Schmiedt im Folgenden verschiedene Figuren aus Thomas Manns Zeitroman „Die Buddenbrooks“ und Karl Mays Raumroman „Der Schatz im Silbersee“unter anderem die gute alte Tante Droll und Herrn Permaneder, und stellte so den Chronotopos der Jahrhundertwende in zwei Büchern auf sehr humorvolle und unterhaltende Art und Weise dar.




















Der zweite Redner des Vormittags, der gleichzeitig auch der letzte Vortragende des Kongresses war, zählt ebenfalls zu den langjährigen, überaus produktiven, verdienstvollen und geschätzten May-Forschern der Gegenwart. Prof. Dr. Christoph F. Lorenz publizierte zahlreiche Arbeiten über Karl May und gab auch viele Textsammlungen über May heraus. Bis zu seiner Emeritierung im Wintersemester 2012/2013 war Christoph F. Lorenz als Professor für systematische und historische Musikwissenschaft an der Universität Düsseldorf tätig.








Sein Vortrag mit dem Titel „Geistermühle und Prägestock – Karl May und Thomas Edward Lawrence auf dem Weg zur Läuterung“brachte den Kongress in Mays zweite Heimat, den Orient, zurück, wenngleich er auch Mays erdachtes und erfundenes Orientbild mit der Realität eines Lawrence of Arabia verknüpfte und verglich. Lorenz würzte seinen Vortrag mit allerlei besonderen Schmankerln und Bonbons, für die stellvertretend nur der Schluss seines Vortrags stehen soll, denn diese Art der Formulierung und der Heiterkeit durchzog seine ganzen Ausführungen: „So, jetzt hab ich genug gesprochen. Wenn Sie Sitara suchen wollen, nehmen Sie The Hitchhiker's Guide To The Galaxyund gucken Sie nach, dort wird sicher auch der Weg dahin beschrieben, nur Vorsicht in Alpha Centauri, da gibt’s mit dem Umsteigen Probleme.“





 


Fazit

Wenn man ein solches Event zum ersten Mal besucht – man erinnere sich an meinen Anfang: „Mein erster Kongress!“ –, aber auch, wenn man ein alter Hase in solchen Dingen ist, so ist die Frage, die sich einem hinterher immer abschließend stellt, diesselbe: Und was hat mir das Ganze jetzt gebracht? Oder, um es von der eigenen Person wegzubringen: Was hat es generell für einen Sinn gehabt? Und diese Frage muss man hier eindeutig mit einem Wort beantworten: Viel! Sehr viel, um gleich den Superlativ zu nutzen! Viel zunächst einmal im Sinne von Eindrücken, die ich sammeln konnte, und derer übervoll ich zurückkam. Viel im Sinne von wertvollen und erhellenden Begegnungen, die ich sehr genoss. Viel im Sinne von guten Gesprächen mit ganz alltäglichen aber auch ganz und gar unalltäglichen Menschen. Viel im Sinne des Erwerbs eines Zusammengehörigkeitsgefühls, ähnlich dem in einer großen Familie, wo man sich auch trefflich streiten kann, wo man aber niemals die Sonne über einem Streit untergehen lässt. Viel im Sinne von Versöhnung und Zusammenarbeit. Viel im Sinne von Einblicken in Verlags- bzw. Verlegertätigkeiten, den Buchhandel und den Ablauf großer Veranstaltungen. Viel im Sinne von … ach, ich könnte hier noch so VIEL aufschreiben und aufführen, doch will ich es damit erst einmal bewenden lassen.






Und um abschließend die Frage zu beantworten, die vielleicht dem ein oder anderen auf der Seele brennt, warum ich nicht näher auf den Inhalt der Vorträge eingegangen bin, so weise ich hier nur darauf hin, dass es in absehbarer Zeit ein Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft geben wird, worin die Vorträge wohl als Aufsätze nachzulesen sein werden, oder, falls dem nicht so ist, vielleicht plant die KMG ja sogar eine gedruckte Nachlese des Kongresses? Lassen wir uns überraschen. Für hier und jetzt bleibt mir nur, mich bei meinen treuen Leserinnen und Lesern zu bedanken, dass sie mir – wieder einmal – bis hierher durch fünf Teile hindurch gefolgt sind und so ein wenig vom Flair dessen miterleben konnten, dass ich das große Glück hatte, erleben, filmen, fotografieren und dokumentieren zu dürfen.




Eines Künstlers Leben
(- Symposion -)

Vom Fuße des Erzgebirges in die Welt,
In Weberverhältnissen wundervoll arm,
Zu Füßen der Großmutter nur war es warm,
Die eigene Phantasie macht' ihn zum Held.

Als Lehrer gescheitert und arg diffamiert,
Als Räuber und Schwindler verzweifelt berühmt,
Aus profaner Zelle heraus unverblümt,
Hat er sich vor aller Welt grausam blamiert.

Doch dann schlägt Old Shatterhands Faust schon zurück!
Die Gegner bald fallen wie nasse Säcke!
Doch bald schon es wendet sich des Helden Glück!

Denn in hohem Alter bleibt auf der Strecke,
Der Mayster, es fehlt ihm an Weisheit kein Stück,
Er stirbt überhöht in Syberbergs Decke.

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